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100 Tage Kindle – Eine Rezension von Amazons E-Reader

Ich habe zu Weihnachten einen Kindle geschenkt bekommen. Bisher habe ich E-Books immer entweder mit iBooks auf dem iPad gelesen (Was rein ästhetisch nach wie vor mein Favorit bleibt) oder mit Google Play Books auf dem Android Handy (Was vor allem aus Performanz-Gründen wirklich unkomfortabel ist). Nun ist also ein Kindle hinzugekommen und daher wollte ich mal, wie in der Politik üblich, ein 100-Tage-Zwischenfazit ziehen.

Mein Kindle

Mein Kindle

Ich habe einen klassischen Kindle*, nix mit Licht*, Reise* oder Feuer*. Den gibt es bei Amazon ab 59 Zacken. Das Gerät hat ein schwarzes Plastikgehäuse uns einen Infrarot-Touchscreen. Die Rückseite ist etwas angeraut, was verhindert, dass der Kindle zu leicht von etwas schrägen Untergründen rutscht. Das Gerät hat nur einen Knopf an der Unterseite zum Ein- und Ausschalten.

Kommen wir zunächst zu den Stärken des Kindles

Am meisten beeindruckt mich der Touchscreen. Der schwuppt, hat quasi keine Verzögerung, sondern funktioniert immer sofort und fehlerfrei. Fast schon zu gut: Dadurch, dass er anders als ein kapazitiver Touch nicht nur bei stromleitenden Dingen wie Fingern, sondern quasi bei allem reagiert, kann es schon einmal vorkommen, dass versehntlich auch zum Beispiel die Bettdecke toucht. Das ist aber kein Problem, man hat sich schnell daran gewöhnt und vor allem die nächste Stärke des Kindles sorgt dafür, dass versehntliches Vertouchen weitgehend egal ist.

Das Gerät ist wahnsinnig performant. Es blättert enorm schnell. Von älteren Generationen des Kindles und anderer E-Reader war ich es gewohnt, dass es einige Zehntelsekunden dauert, bevor die E-Ink die neue Seite dargestellt hat. Das ist bei meiner Kindlegeneration quasi nicht mehr der Fall, die Verzögerung liegt im Millisekundenbereich und ist somit eigentlich nur feststellbar, wenn man sich darauf konzentriert.

Die dritte große Stärke ist der Zoom der Schriftgröße. Zwischen grotesk groß und Ameisenscheiße-klein lässt die Schriftgröße in acht verschiedenen Stufen einstellen. Das ist ein Feature, das ich je nach Lichtverhältnissen, Lust und Laune ausgiebig nutze. Genauso schön finde ich die Lesestandsanzeige: Neben Prozentzahlen gibt es drei weitere Anzeigen zur Auswahl: Eine für mich komplett undurchschaubare Positionsanzeige. So bin ich bei 14% meines aktuellen Buches Der Name des Windes* bei Position 2158. Was ist das? Seitenzahlen ganz offensichtlich nicht, schließlich haben E-Books keine Seiten. Wenngleich der Kindle diese Option bei manchen Büchern auch anbietet. Ein spannendes Feature, dem ich mich mal ausführlicher widmen muss …Aber die Position ist auch nicht die Wortzahl, was für mich die nächste logische Option gewesen wäre. Keine Ahnung, was dieser kryptische Wert besagen soll.

Aber es gibt außer der Positionsanzeige zum Glück noch zwei andere, die mir sehr gut gefallen: Zum einen wieviel Zeit noch im Kapitel verbleibt. Ein Feature, das ich beim Vorlesen liebe, da es mir oft Diskussionen mit meiner Tochter (7) erspart, ob ich zu kurz vorgelesen habe, indem ich ihr einfach sagen kann: „Okay, das Kapitel heute ist 15 Minuten lang, die lesen wir, dann wird geschlafen.“ Für mich selbst bevorzuge ich die Anzeige, wie viel Zeit noch im Buch verbleibt. Diese muss sich während der ersten 10-20% des Buches langsam einpendeln, ist dann aber ganz nett, wenngleich ich nicht nachgemessen habe, wie präzise sie ist.

Der letzte Punkt, den ich auf der Haben-Seite des Kindles vermerke, ist natürlich die Akkuladezeit. Obwohl ich jeden Tag in dem Gerät lese, muss ich es im Schnitt nur einmal im Monat aufladen. Das ist sehr, sehr schön und ein enormer Vorteil der E-Ink-Technologie, die fast ausschließlich dann Strom verbraucht, wenn das Bild neu aufgebaut wird, beispielsweise beim Umblättern.

Kommen wir zu den neutralen Aspekten des Kindles

Darin werte ich einerseits die Funktion, mit einem Tippen einkaufen zu können. Das ist natürlich enorm komfortabel, birgt aber zugleich auch ein Sicherheitsrisiko. Wenn mir das Gerät geklaut wird, dann kann jemand schön auf meine Kosten shoppen. Allerdings kann ich das über mein Amazon-Konto stornieren, sofern ich es rechtzeitig bemerke.

Der zweite neutrale Aspekt sind Größe und Gewicht des Geräts. Es ist 193g leicht bei einem 6 Zoll Display. Mein Luxusproblem dabei ist: Wenn ich beim Stehen oder Gehen lese, was ich relativ oft tue, weiß ich nicht, wie ich das Gerät halten soll … Wenn ich den Kindle von hinten umgreife, dann komme ich nicht mehr an den Touchscreen zum umblättern (Zum Glück habe ich noch eine Nase …) Als Linkshänder kann ich ihn auch nicht wie ein Smartphone halten (drei Finger hinter dem Gerät, kleiner Finger als Stütze und Daumen zum Touchen), denn die linke Seite des Gerätes blättert zurück. Zwar kann ich auch per Swipe von links nach rechts vorwärts umblättern, aber das birgt die Gefahr, dass ich mir den Kindle buchstäblich aus der Hand wische, was tatsächlich schon passiert ist, zumal der Daumen auch so weit am Unteren Rand ist, dass statt Umblättern ich zwischen den Lesestandanzeigen wechsle. Schließlich bleibt mir nur, den Kindle von unten zu greifen, indem ich ihn auf den Ringfinger und zwischen Daumen und Zeigefinger ablege, hinten mit Zeige- und Mittelfinger stütze und den Daumen zum touchen benutze. Das ist aber ziemlich unbequem, ermüdend und birgt die Gefahr, dass das Gerät über meine Fingerspitzen kippt (auch das ist mir schon passiert …) Tja, das Beste ist einfach, wenn das Gerät beim Lesen liegt.

Die dunkle Seite des Kindles

Während ich die verbaute Touchtechnologie noch lobte, so muss ich die Bedienung kritisieren. Blättern und Zoomen funktionieren gut, das hatte ich ja schon gesagt. Aber der Kindle setzt eben auf eine ausschließliche Touchbedienung bei zeitgleichen Verzicht auf ein dauerhaft eingeblendetes Menü. Konkret heißt das, dass ich beim Tippen in die linke untere Ecke zwischen den Lesestandsanzeigen wechseln kann, beim Tippen in die rechte obere Ecke kann ich Lesezeichen setzen und zwischen Lesezeichen wechseln und beim Tippen in die linke obere Ecke öffne ich das Hauptmenü, in dem ich zum Beispiel zwischen Büchern wechseln kann. Das Problem ist aber, dass der Kindle diese Optionen nicht dauerhaft anzeigt, sondern erst nach Antippen. Was gut gemeint ist, da es zu mehr Platz für den Text führt, ist aber schlecht ausgeführt, da ich oft den richtigen Punkt nicht auf anhieb treffe und im besten Fall mehrfach tippen muss, um die entsprechende Funktion aufzurufen und im schlechtesten Fall mit einem Tippen versehentlich umblättere. Ein Knopf, wie der Home-Button bei iOS-Geräten oder die Menütaste bei den Androidgeräten wäre hier wirklich hilfreich.

Während das Menü nur etwas unkomfortabel ist, ist mein nächster Kritikpunkt ein echtes Ärgernis: Mein Kindle zeigt mir im Ruhestand beständig Werbung an für Bücher, die ich doch gefälligst kaufen soll. Das macht das Gerät OBWOHL ich ihm gesagt habe, dass es das gefälligst lassen soll. Was sollte man sonst auch in der COVERansicht anzeigen … Mmmh … Genauso habe ich in den Optionen gewählt, dass ich KEINE Kaufempfehlungen über den Text geblendet haben möchte, wenn ich mich dem Ende nähere, DENNOCH zeigt mir mein Kindle die regelmäßig an. Ich habe mittlerweile herausgefunden, dass ich bei Amazon auch eine Variante des Kindles hätte kaufen kaufen, die auf dieses „Feature“ verzichtet, das kostet dann 20 Euro mehr. Warum mein Kindle dennoch in den Optionen so tut, als könnte ich die Funktion deaktivieren, bleibt ein Rätsel …

Doch am meisten stört mich die Standardschrift des Kindles. Die ist unglaublich hässlich. Amazon tritt die 2000 Jahre alte Geschichte der Typographie mit Füßen, denn Amazon erlaubt nicht einmal, dass E-Book-Designer eigene Schriftarten in ihren E-Book-Dateien einbinden.Ich habe sogar mal Amazon angeschrieben, warum das so ist. Hier die nichtssagende Antwort, die ich erhielt:

„Der Kindle verfügt über drei neue und eigens für Kindle entwickelte Schriftarten, welche für noch bessere Lesbarkeit sorgen. Weiterhin besteht die Möglichkeit, aus acht Schriftgrößen zu wählen und diese nach den persönlichen Präferenzen einzustellen.“

Tja, solange Amazon eine derartig starke Markmacht hat, wie derzeit, wird sich an dieser Einstellung wohl auch nichts ändern.

Update 14.4.2015: Ich wurde auf Twitter darauf hingewiesen, dass ich tatsächlich zwischen verschiedenen, bereits im Kindle hinterlegten Schriftarten wechseln kann. Links oben tippen, dann auf die beiden Buchstaben „Aa“ tippen. Das hatte ich immer für einen anderen Zugriff auf’s Zoom-Menü (2 Finger Zoom) gehalten.

Fazit

Das war mein 100-Tage-Test. Alles in allem bin ich mit meinem E-Reader zufrieden und er hat schon jetzt bewirkt, dass ich wieder mehr Bücher lese, was einer meiner guten Vorsätze war. Denn als neues technisches Spielzeug ist er für mich Motivation und obendrein lenkt er mich nicht mit dem Internet ab, wie es Tablet oder Handy tun. Auch den Preis von 59 Euro finde ich recht überzeugend. Denn, sollte er mir im Sommerurlaub vom Handtuch geklaut werden, dann wird das nicht so ärgerlich sein, wie ein geklautes iPad oder Handy für mehrere hundert Euro.

 

* Hinterhältiger Afilliate-Link: Kauft ihr den Kindle, dann bekomme ich eine winzige Provision und freue mich.

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