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Von Papiermuseen und Filterblasen

Die wortbrillante und sehr oft chirurgisch analysierende Kathrin Passig schreibt diese Woche in Ihrer Kolumne in der Zeit über „Die Zukunft des Papierverleihs“. Und so präzise wie Passig sonst allzuoft den Nagel auf den Kopf trifft, so sehr schlägt sie meines Erachtens dieses Mal gegen die elastischen Wände ihrer eigenen Filterblase an.

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

„Bibliotheken sind Papiermuseen. Wenn sie sich nicht bald grundsätzlich wandeln, haben sie kaum noch eine Existenzberechtigung. Was sie können, kann das Internet besser“

Kathrin Passig in der Zeit

Versteht mich nicht falsch, liebe Leser, ich werde bestimmt nicht dem bibliothekarischen Protektionismus die Stange halten. Dafür habe ich schon allzuoft in ein ganz ähnliches Horn geblasen wie Passig. Ganz klar: Bibliotheken müssen sich wandeln in Zeiten der Digitalisierung und Passig zeigt viele Schwächen der zeitgenössischen Institution Bibliothek auf. Aber was mich massiv an Passigs Text stört und was seine Validität einschränkt, ist, dass Passig nicht fair argumentiert. Sie lässt nämlich die schnöde Realität der Bibliothek gegen eine Utopie des Internets antreten.

Symbolischer Preis

Das zeigt sich schon ganz zu Beginn, wenn sie behauptet, die flächendeckende Grundversorgung mit Unterhaltungs- und Bildungsmaterialien zu einem symbolischen Preis habe das Internet übernommen. Zumindest in Frankfurt ist die Stadtbibliothek für arme Menschen komplett kostenlos. Das Internet hingegen kostet mich mindestens 20 Euro im Monat und dann kann ich zwar schon eine ganze Menge Inhalte erreichen, aber (zumindest legal) noch keine Bücher, Musik und Filme. Da muss ich mir dann jeweils noch einen Account für klicken, der mich dann auch jeweils noch einmal etwa 10 Euro kostet. Für Passig mag das ein symbolischer Betrag sein, aber bei 382 Euro Hartz-IV-Regelsatz (für alleinstehende Volljährige, Paare, Jugendliche und Kinder bekommen weniger) tun 50 Euro für Unterhaltung und Bildung richtig weh.

Auf diesen Fehlgriff folgen einige treffende Argumentationen, in denen Passig ihre oben erwähnten Stärken ausspielt. So gebe ich ihr bei ihrem nächsten Argument uneingeschränkt Recht: Zufallsfunde kann ich im Internet eher besser als schlechter machen, verglichen mit dem Papier. Dass es sich andersherum verhält, ist ein typischer erster Eindruck von Offlinern, für die das Internet mit Google gleichgesetzt ist, sodass für sie der Eindruck entsteht, dass das Netz nur Inhalte zeigt, wenn ich etwas konkret suche. Das führt mich auch gleich zum nächsten, ebenfalls richtigen Punkt Passigs: Was der Bibliothek definitiv fehlt und was sie braucht, will sie überleben, ist die Volltextsuche. Aber das ist kein intrinsisches Problem der Bib, sondern wieder einmal die Schuld unseres unsäglich veralteten Urheberrechts. Ich wette, die meisten Bibliothekare würden ihre Korpora lieber heute als morgen digitalisieren. Denn, liebes Internet, mit Blick auf Metadaten brauchst du dich nur mal fragen: Wer hat’s erfunden? Allein man lässt sie nicht, weil Verwertungsechte und Schutzfristen und mit ihnen die Profitinteressen von Privatpersonen und -gesellschaften dies verhindern.

Niederschwelliges Kulturangebot

Aber weiter in Passigs Text: Auch die These, dass Bibliotheken nicht zwangsläufig übersichtlicher sind als das Netz, unterschreibe ich noch. Bevor ihr, liebe Leser, nun aber meint, ich würde doch mit Passig auf der gleichen Welle schwingen (was ich sonst wahrscheinlich auch tue), komme ich zum meinem Hauptkritikpunkt an ihrem Text:

Passig kritisiert die Darstellung von Bibliotheken als niedrigschwelliges Kulturangebot.

Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt. Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt.

Passig zeigt in diesem Absatz das, was ich im 1. Semester in meiner allerersten Kommunikationswissenschafsvorlesung als Phänomenverlust aus Mangel an Distanz kennengelernt habe: Sie steckt so tief in ihrer Filterbubble Netzgemeinde, dass sie die Schwellen auf dem Weg dorthin nicht mehr sehen kann. Denn natürlich gibt es viel mehr Schwellen auf dem Weg ins Internet als die zwei, die Passig nennt. Das weiß jeder Noob, der mal (vielleicht sogar aus Versehen) einen Tweet abgesetzt hat, der nicht seinem Hirn entsprungen war, sondern den zuvor schon mal jemand anderes schrieb. Jedes arme Schwein, das schon einmal eine Frage stellte, ohne zuvor die Forensuche zu benutzen, kennt die Schwellen des Internets. Jedem Benutzer von Microsofts Internetexplorers sind die Schwellen des Internets nur allzu gut bekannt! Und damit habe ich noch gar nicht die ganzen technischen und edukatorischen Hürden erwähnt, die mit der Internetnutzung zusammenhängen. Passig verschweigt, dass großen Teilen dieses Landes der Breitbandzugang verwehrt bleibt. Und zwar ausgerechnet jenen, die auch weite Wege zur nächsten Bib in Kauf nehmen müssen. Auch ignoriert  Passig, dass 4% Prozent der Bevölkerung Deutschlands Analphabeten sind, die das Internet nicht bedienen können, aber sehr wohl ein Hörbuch in einer Bibliothek ausleihen. Als meine Mutter das erste Mal mit meiner Hilfe online war, fragte sie mich: Und was kann ich jetzt da so machen. Das ist eine dieser Schwellen, die Passig verborgen bleiben. Und der alte Computer des Hartz-IV-Empfängers, der jedesmal eine halbe Stunde nach dem Hochfahren nicht reagiert, weil das Updatesinstallieren ihn überfordert, ist eine andere Schwelle auf dem Weg ins Internet. Denn der Hartzer kann sich nicht mal eben ein neues Mac Book Pro kaufen…

Langzeitarchivierung

Den wohl wichtigsten Punkt, warum es auch in Zukunft Bibliotheken in der einen oder andere Form geben sollte, behandelt Passig aber überhaupt nicht. Denn Bibliotheken erfüllen ja neben dem Zugang zu Wissen noch eine zweite wesentliche Funktion: Die Langzeitarchivierung eben jenes Wissens. Und da das Internet (die Wikipedia mal außen vor) überwiegend privaten, wirtschaftlichen Interessen gehorcht, bin ich froh, dass es öffentlich finanzierte Institutionen gibt, die diese Speicherung übernehmen. Denn zum Beispiel das Ende des Google Readers hat uns gezeigt, dass eine gehörige Portion Willkür darin steckt, wie lange uns welcher Dienst und welche Information zur Verfügung steht. Es wäre wünschenswert, wenn die Bibliothek neben Regalen auch Server als zusätzlichen Speicherort für diese Informationen bereithielten. Denn natürlich muss die Bibliothek sich wandeln. Sie sollte ihre Bestände auch in digitaler Form vorhalten, damit Volltextsuche und Onlinezugang ermöglicht werden. Aber sie sollte eines tunlichst nicht tun: Aufs Papier verzichten.

Ich habe hier schon oft geschrieben, dass die synchrone Formatevielfalt im Digitalen eine Plage ist, noch schlimmer sieht es mit der diachronen, also der Formatevielfalt im Laufe der Zeit, aus. Wer kann heute noch Magnetbänder aus den 80ern lesen? Ständig sprudeln neue Technologien und mit ihnen neue Formate an die Oberfläche und wir müssen unsere Datenbestände migrieren. Doch diese Migration ist aufgrund proprietärer Codes und/oder unzureichender Dokumentation allzuoft lückenhaft. Die DNB bezeichnet Amazons Mobi-Dateien nicht ohne Grund als ungeeignet für die LAngzeitarchivierung.

Dem gegenüber hat sich das Papier als überraschend beständig erwiesen. Obwohl Feuer, Licht, Feuchtigkeit, Ungeziefer, Menschenhände oder Kölner Baufirmen es zerstören können, eignet es sich offenbar hervorragend zur Langzeitarchivierung. Denn wir können auch heute noch 1000 Jahre alte Bücher lesen. Gewiss, wir müssen alte Sprachen lernen, aber die sind im Gegensatz zu manchen Codes, die nur 10 Jahre alt sind, hervorragend dokumentiert. Und so stimmt Passigs polemische Rede vom Papiermuseum nüchtern betrachtet sogar. Denn anders als (noch) das Internet aber ganz ähnlich wie Museen können uns Bibliotheken lang zurückliegendes zugänglich machen…

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Ein Pamphlet gegen Verlagswesen und Buchhandel

7 Gründe, warum das Verlagswesen und der Buchhandel mit Hochgeschwindigkeit in die Krise schlittern

Das Bücherverlegen, so wie wir es jetzt kennen, ist eine sehr alte Kulturtechnik, die in Anschluss an den Buchdruck entstand. Der Büchervertrieb basiert größtenteils auf Notwendigkeiten die im Zuge der Entstehung liberaler Märkte im 18. und 19. Jahrhundert ergaben. Doch jetzt steht dieser Branche eine Umwälzung ins Haus, die sie noch immer nicht begriffen hat. Ein schmerzhafter Wandel, den die Musikbranche schon vor zehn Jahren zu spüren bekam und in dem sich auch die Filmindustrie gerade befindet. Und obwohl der relative Niedergang der Musikbranche – gemessen an den Verkaufszahlen der 90er Jahre – der Bücherwelt als mahnendes Beispiel vor Augen steht. Macht sie sich nicht daran, aus den Fehlern der anderen zu lernen, sondern rennt laut schreiend und mit aufgerissenen Augen dem Abgrund entgegen. Dabei könnten Verlage und Buchhandel es viel besser machen und am Ende als große Gewinner aus dem Spiel hervorgehen, wenn sie nur auf die Zeichen der Zeit erkennen würden.

Abgrund

Casares Abgrund. Urheber: Horst Goertz. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Ich möchte hier mal die sieben wichtigsten Fehler zusammenfassen, die ihr, liebes Verlagswesen und lieber Buchhandel fast unisono macht.

1. Formate

ePub2, ePub3, iBooks, Mobi und PDF. Das sind die gängigsten Formate, die derzeit auf dem Markt sind. Ich vereinfache hier stark, denn iBooks ist eigentlich nur eine Variante von ePub2 und ePub3 ist nicht wirklich auf dem Markt. Aber, worauf ich hinaus will: Das sind zu viele. Wenn ich mir ein Buch bei Apple kaufe, kann ich es auf dem Kindle nicht lesen. PDF ist sowieso komplett ungeeignet für E-Reader oder Tablets und der klägliche Rest eurer Bücher-Online-Shops außer Apple iBooks und Amazon verramscht fröhlich schlecht gecodetes ePub2, obwohl seit eineinhalb Jahren mit ePub3 der Nachfolger schon in den Startlöchern verstaubt.

Ja klar, kann man jetzt klagen, dass die großen Bosse im Handel – Amazon und Apple – sich eh nie auf ein Format einigen werden, aber man kann auch die Frage stellen, warum die beiden sich das erlauben können… Ganz einfach: Weil sie einfach keine ernstzunehmende Konkurrenz haben. Wenn 80% aller E-Books bei Amazon über den virtuellen Tresen gehen, dann wird Amazon bestimmt nicht auf ePub wechseln, klar. Hingegen sieht es bei Apple schon anders aus, da das Fallobst nur zehn bis fünfzehn Prozent Marktanteil hat, heißt es auch ePub2 willkommen.

Wenn ihr, liebe Verlage, euch einfach mal auf den freien, offenen Standard ePub3 einigen würdet, währet ihr in einer viel besseren Ausgangssituation. Wenn ihr begreifen würdet, welche Chance dieser gewaltige Quantensprung zwischen dem was in ePub2 und dem, was in ePub3 möglich ist, für euch bedeutet, wäre das die halbe Miete eurer Zukunftswohnung. Wenn ihr anfinget, gute Bücher zu layouten, die von Weltbild über Thalia bis zum kleinen Online-Shop um die Ecke überall in ePub3 zu bekommen sind, dann würden sich die Machtverhältnisse langsam wieder beginnen zurückzuschieben. Das geht nicht von heute auf morgen, nachdem ihr jahrelang geschlafen habt, aber das geht allmählich.

Allerdings gibt es ein Hindernis: Wenn ePub3 als von allen akzeptierter Standard der Jedi ist, dann ist DRM die dunkle Seite der Macht.

2. DRM

DRM ist eine Pest. DRM schützt nicht, denn jeder, der Google bedienen kann, kann auch E-Books von DRM befreien. Aber dennoch klammert ihr, liebe Verlage, euch an das digitale Rechtemanagement wie der Ertrinkende an die letzte Planke. Was ihr dabei aber überseht, ist, wie unglaublich unattraktiv euer Angebot dadurch wird. Und dass ihr dadurch die Leser in Scharen zu Amazon hintreibt. Denn, wie sieht die Realität derzeit aus? Wenn ich mein E-Book in einem deiner Shops kaufe, lieber Buchhandel, kann ich es nur auf einer kleinen Anzahl an Plattformen lesen. Ich kann in der Regel keinen Text kopieren, teilen, keine Bücher ausleihen, geschweige denn kopieren oder so etwas abwegiges wie verschenken. Aber, wenn ich sowieso nur die Wahl zwischen verschiedenen Käfigen habe, dann wähle ich doch den goldenen und den bietet mir Amazon.

„Aber wenn wir die E-Books ohne DRM verkaufen, dann verbreiten die bösen Leser mit ihrer Kostenloskultur die doch einfach im Netz!!!!!1!11einself“

So what? Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass DRM ja, wie gesagt, sowieso nicht hilft und ihr, liebe Verlage, nichts anderes tut, als die ehrlichen Leser zu bestrafen. Ja, abgesehen davon müssen eure Bücher nicht mehr mit 100qm Verkaufsfläche anderer Bücher konkurrieren, sondern mit dem ganzen großen World Wide Web. Und da kommen wir gleich zum nächsten Punkt:

3. Preise

Ihr könnt doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich 20 Euro für ein E-Book zahle, wenn das nächste Blog, die Wikipedia oder YouTube nur einen Klick entfernt sind. Ja, ja, ich weiß, E-Books werden auch nicht aus Luft und Liebe gemacht, aber erstens gibt es da schon einen ordentlichen Spielraum, der bislang noch allzu oft ungenutzt bleibt. Und zweitens habe ich mal irgendwann in der Schule gelernt, dass in diesem ekeligen Kapitalismus sich der Preis aus Angebot und Nachfrage ergibt. Das Angebot ist so groß da draußen, dass E-Books billiger werden müssen, sonst wird halt einfach die nächste kostenlose App aus dem Store gezogen, anstatt das neue Buch von Charlotte Roche gelesen. Und wo ich schon bei der Konkurrenzsituation bin, komme ich doch gleich zum nächsten Punkt:

4. Die Reader

Die Zukunft des Buches ist nicht der E-Reader sondern das Tablet. Warum? Wegen ePub3. ePub3 kann so ziemlich all das, was das Internet kann. Aber auf einem schwarz-weißen E-Ink-Display wird das nichts bringen. Klar wird das das Medium Buch verändern, aber anstatt jetzt mal wieder den Untergang des Abendlandes anzuprangern, wären mutige Konzepte, wie man Video, Audio, Interaktivität und Social Media sinnvoll in ein Buch integrieren kann, angebracht. Ich habe die und neben mir noch viele andere, die noch viel mehr können als ich. Und wenn ihr die nicht umsetzt, dann werden es andere tun, während ihr dann irgendwann den Insolvenzvertrag unterschreibt.

Dennoch können E-Reader sinnvoll sein und bleiben. Die lange Akkulaufzeit und der gute Kontrast sind schon ziemlich cool, aber wenn E-Reader überleben sollen, müssen sie zwei Dinge beherzigen:

Erstens müssen die Dinger billiger werden. Ihr werbt immer damit, dass ich auf dem E-Reader auch ganz toll am Strand lesen kann, während das iPad da nur noch spiegelt. Stimmt. Aber was bringt mir das, wenn der Reader mir geklaut wird, während ich in den Wellen plansche? Was bringen mir 1000 abgespeicherte Bücher, wenn sie mir im Schwimmbad vom Handtuch geklaut werden, während mein Taschenbuch dort unbehelligt liegen bleibt. Doch genau dort ist der zukünftige Einsatzort für E-Reader: wo mir das Tablet zu teuer ist.

Zweitens müssen E-Reader langsam mal anfangen, den Code, den der Setzer geschrieben hat, auch genauso zu interpretieren, wie es das IDPF vorgesehen hatte. Und ich meine damit zu 100%. Nicht zu 70, 80 oder 90%. Denn auch ein einzelner Absatz, der sich total verschoben hat oder ein einziges Bild, das nicht richtig angezeigt wird, nervt eure Leser. Womit wir bei Punkt Nummer fünf währen…

5. Die Wertschätzung des Mediums

Ich sehe Leser, die sich über Rechtschreib- und Formatfehler beschweren. Ich sehe Verlage, die mir ihr Druck-PDF als E-Book andrehen wollen, ich sehe E-Books, in denen Fußnoten mitten im Text stehen, anstatt anständig in Endnoten umgewandelt worden zu sein. Und ich sehe Setzer, die bei HilfDirSelbst.ch über Witwen und Waisen jammern, anstatt sich über die vielen neuen Möglichkeiten zu freuen.

Was ich vermisse, ist einfach etwas mehr Wertschätzung dem Medium gegenüber! Ein kleines Beispiel: Ich habe mein E-Book auch in ePub2 gesetzt, weil es in ePub3 ja niemand hätte lesen können. Aber erstens habe ich mein E-Book nicht dreckig mit Calibre aus einer Worddatei heraus konvertiert, sondern habe mir jede Codezeile im Texteditor angesehen, damit möglichst wenig Fehler am Ende im Dokument stehen. Zweitens habe ich alles aus dem Medium herausgequetscht, was möglich war. Ich habe ein halbes Dutzend Schriften eingebettet, auch wenn ich manche nur an einer Stelle im Buch verwende, ich habe mit Drop Caps gearbeitet, ich habe unsorted Lists mit eigens erstellten Grafiken als Aufzählungszeichen verwendet und dergleichen mehr. Warum? Weil es mein Buch für die Leser schöner macht.

Aber zugleich wusste ich, dass da draußen jede Menge schlechter E-Reader kursieren, die das alles nicht anzeigen können. Deshalb habe ich das Buch noch ein zweites Mal gesetzt ohne den ganzen Firlefanz und in die Ausgabe mit dem schicken Layout habe ich ins Impressum geschrieben, dass sich jeder Leser bei mir melden kann, wenn er oder sie Anzeigeschwierigkeiten hat, und sie oder er bekommt dann das Simple Layout.

Das ist Wertschätzung. Und die fehlt mir bei euch leider komplett. Ihr macht das alles schnell und dreckig, möglichst ohne zusätzliche Arbeit. Aber Hauptsache möglichst viel Gewinn rauspressen. Womit wir zu Punkt sechs kommen.

6. Der Handel

Es ist eine unbequeme und bittere Wahrheit, aber in zehn, spätestens in zwanzig Jahren wird der Großteil des heutigen Buchhandels schlichtweg nicht mehr existieren. Aber statt zu überlegen, wie man neue Perspektiven schaffen kann, klammert ihr euch an alte Modelle. Ein Beispiel: Ich habe mal mit einer Angestellten von Libri verhandelt, ob sie nicht ein E-Book von mir vertreiben wollen. Libri bekommt beim Vertrieb von Printbüchern 50% Rabatt. Diesen forderten sie auch bei E-Books ein. Als ich fragte, wie sie den gleichen Rabatt rechtfertigen, da ihnen ja ihre Hauptkosten: Lager und Transport wegfallen, entgegnete mir die Dame, man habe „andere Kosten“. Interessiert fragte ich nach, welche Kosten das seien. Woraufhin sie sagte: Auf dem Niveau werde sie nicht weiterverhandeln. Ich bin dann zu Apple und Amazon gegangen und schau mir mal an, wie lange Libri es noch machen wird.

Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten um die Kunden auch in Zukunft in den stationären Buchhandel zu locken: Beispielsweise das Hauptproblem, dass man E-Books nicht anständig verschenken kann, ließe sich toll lösen, wenn ich in der Buchhandlung einen Gutschein für ein ganz bestimmtes Buch kaufen könnte. Noch besser währe es, wenn ich wie beim Vinyl zum Printbuch den Downloadcode fürs E-Book dazu bekäme. Jeder Buchladen sollte außerdem nebenher noch einen Online-Shop betreiben, so wie es in anderen Branchen schon Gang und Gebe ist. Das wären Ansätze, dem Untergang zu entgehen. Aber all das wird (in erster Linie) durch Buchpreisbindung und DRM aktiv verhindert. Doch so wird das nichts, liebe Verleger und Händler. Womit ich zum letzten Punkt komme

7. Die Wertschätzung der Leser

Ja, eure Leser können sich eure Bücher auch illegal dafür aber ganz umsonst besorgen. Doch das werdet ihr nicht verhindern können! Denn immer, wenn für euch eine Firma einen neuen, teuren Kopierschutz geschrieben hat, setzt sich da draußen ein Schwarm hin und zerlegt diesen. Und da die Manpower des Schwarms jene eurer Programmierer ums tausend- oder gar millionenfache übersteigt, könnt ihr den Wettlauf nicht gewinnen.

Ja, ihr könnt jetzt Armeen von Anwälten aussenden, die jeden abmahnen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Aber trotzdem werdet ihr immer nur die Spitze des Eisberges erwischen. Denn da draußen sind, wie gesagt, Millionen, die gegen euch arbeiten.

Und jetzt könnt ihr natürlich eure Leser als Diebe und Piraten, als unsolidarisch und was weiß ich beschimpfen, aber das wird euch nicht ein Buch mehr verkaufen. Im Gegenteil: Jedes mal, wenn ihr eure Leser beschimpft, zeigen die weniger Bereitschaft, sich für euch zu entscheiden, wenn sie vor der Wahl stehen, ob sie jetzt Geld für euer Buch bezahlen sollen oder nicht. Statt dessen wäre der gegenteilige Weg der Richtige: Zeigt euren Lesern, dass ihr sie wertschätzt. Bittet sie darum, euer Buch zu kaufen, statt es zu sharen und macht das Kaufen ihnen so einfach und so komfortabel wie möglich: eben niederschwellig. Denn da könnt ihr euch auf den Kopf stellen: eure Leser werden euch nur ihr Geld geben, wenn ihr sie darum bittet. Aber dann machen sie es gerne! Denn eure Leser lesen eure Bücher gerne, sie lieben und verehren euch und eure Autoren und wenn ihr ihnen sagt: Seht her, wir haben viel Geld und Zeit investiert, um dieses Buch zu produzieren. Damit wir von unserer Arbeit leben können und euch auch in Zukunft gute Bücher machen können, wäre es echt toll, wenn ihr uns ein paar Euro für eine Kopie geben könntet.

Und wisst ihr was? Sie werden! Glaubt ihr nicht? Dann schaut euch mal Flattr, Kickstarter, und Betterplace.org an. Da passiert das schon jetzt. Jeden Tag.

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Das große PDF-Missverständnis

Leute, mal ehrlich, es spricht überhaupt nichts dagegen, eure Daten ins Netz zu stellen in Form eines PDFs. Die große Mehrheit arbeitet nach wie vor an Desktop-Computern und Laptops, auf denen man PDFs optimal nutzen kann.

Aber bitte hört auf, in diesem Fall von E-Books zu sprechen! PDFs sind keine E-Books. E-Books sind elektronische Textdokumente die für E-Reader und Tablets optimiert wurden. Und genau das trifft auf PDF nicht zu.

Ich will hier mal die These in die Welt stellen, dass – egal welches E-Book-Format sich in Zukunft als Sieger durchsetzen wird – es auf jeden Fall folgende Features unterstützen muss:

1. Veränderbare Textgröße
2. Responsive Design
3. Die Möglichkeit zu Fixed Layout, das aber auf die Bildschrimgrößen von Tablets und E-Readern optimiert wurde
4. Unterstützung von HTML, CSS und JavaScript

All das (unter Ausnahme der meist ungenutzten Möglichkeit von 3.) trifft auf PDF nicht zu.

So schwappte in meine Timeline eine Meldung der Bundeszentrale für Politische Bildung, dass sie ein E-Book zum Thema „Marketing im Web 2.0 für Bidungsanbieter“ herausgegeben haben. ‚Toll‘, denke ich mir und wil schauen, was die BPB da schönes gecoded hat, welche Tools sie verwendet hat (findet man in den Metadaten), ob sie sauberen Code schrieben oder alles quick and dirty Calibre-Style machten.

Doch statt ein E-Book vorzufinden, wie angekündigt, also eine ePub- oder Mobidatei, stoße ich nur auf ein PDF und eine ODT-Datei (Das Format von Open Office). -.-

Ich gehe doch auch nicht hin, tackere eine Blättersammlung zusammen und nenne sie dann Buch. Ich habe es einmal gesagt und ich sage es wieder: PDF ist ein Format, mit dem ich meine Daten zur Druckerei trage. Es unterstützt weder Responsive Design noch ist es in der Regel auf dem Abmessungen von Readern oder Tablets abgestimmt, was zu Scroll-Exzessen führt. Schließlich und endlich gibt es auch kaum Enhancement, also die multimediale Anreicherung in PDFs, weil Adobe sich an seinen Flash-Standard klammert wie ein Bonobobaby an die Mama. Aber Flash wird halt nicht von iOS unterstützt und auch Android lässt es mehr und mehr sein.

Echte E-Books (zur Zeit ePub und Mobi) setzen auf HTML, CSS und Java, damit kann ich entweder variablen Text erzeugen, der sich jedem Lesegerät anpasst, oder ich mache fixed layout E-Books, die auf die Displaygröße meines Devices optimiert wurden. Zudem kann ich interaktive Elemente, Videos und Audiodateien einbinden.

Ich jedenfalls werde mit dem Predigen hier nicht aufhören, bevor auch der letzte es verstanden hat:

PDFs sind keine E-Books.

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E-Book, du unbekanntes Wesen

Es geht voran mit meiner Autorensuche. Ich habe soeben die Rechte am „Wiederabdruck“ eines Textes eines großen deutschen Verlages eingeräumt bekommen. Näheres erfahrt ihr, wenn alles wasserdicht ist.

Denn leider zeigt sich hier einmal mehr, wie verkanntet dieses Medium ist und dass es sich gar nicht einfügen lassen will in die deutsche Verlagstradition.

Vor dem Problem stehe ich selbst, wenn ich den Autoren den „Druckunterlagenschluss“ mitteile. Wenn man hier noch von einer Metapher sprechen kann, liegt das bei der oben erwähnten Rechteeinräumung leider anders. Denn ich habe das Nutzungsrecht für eine einmalige Nutzung eines „Wiederabdrucks“ in einer Auflage von 10.000 Stück eingeräumt bekommen.

Einfach, weil das die Vertragsrealität im Verlagswesen ist. Für mich bedeutet das aber, dass ich, sollte ich tatsächlich 10.000 E-Books verkaufen, mich erneut um die Rechte bemühen muss. Gut, das ist noch kein Problem, ginge mir ja auch so, wenn ich eine Auflage abverkauft hätte, und sollte ich tatsächlich 10.000 Bücher verkaufen (was Bestseller-Niveau wäre), bin ich gerne bereit, erneut zu verhandeln.

Mein Problem ist vielmehr das einmalige Nutzungsrecht, denn, wie ich schon erklärte, gibt es ja nicht „das E-Book“ sondern ePub, Mobi und PDF. Entsprechend muss ich da weiterverhandeln und im Zweifel eben eine abgespeckte Kindle-Edition herausgeben…

Es bleibt spannend.

Mit diesem Post will ich mich übrigens in keiner Weise lustig machen, oder so. Ich kenne das Problem einfach zu gut. Hier trifft eben ein neues, nur wenige Jahre altes Medium auf eine Jahrhunderte alte Verlegertradition. Dass es da viele Probleme gibt, ist klar.

Ähnlich sieht es mit dem Pflichtexemplar für die Deutsche Nationalbibliothek aus, diese ist auch noch nicht auf die Veränderung eingestellt und behandelt E-Books als Webseiten, oder im Bibliothekarsdeutsch „Netzpublikationen“. Und richtig verrückt wird es bei Bibliotheken, die ihren Lesern E-Books anbieten. Diese müssen nämlich analog zum gedruckten Buch jeweils ein E-Book erwerben, das sie dann verleihen können. Die Tatsache, dass man E-Books einfach kopieren kann (und dann gegebenenfalls das entsprechend lizensieren), wird also schlichtweg ignoriert.

P.S.: Während ich dies schrieb, kam übrigens das „Okay“ für die verschiedenen Formate. Also: ein Problem weniger. =)

P.P.S.: Und bevor ihr jetzt anfangt über das deutsche Verlagswesen zu lachen, denkt mal an eure anachronistischen Metaphern, wenn ihr auf paper.li eure „Hastenichgesehn“-Daily herausbringt…

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