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Die Zukunft des Buches #1

Friedrich Forssman (Übrigens, Herr Forssman, das ist ein Link, wenn man im Internet zitiert, dann setzt man diese Links…) hat auf dem Blog von Suhrkamp eine Debatte über E-Books angestoßen. Zunächst dachte ich: Okay, wieder so ein alter Kulturpessimist, der sich in die seit Platon bestehende Tradition stellt, Medienwandel zu bedauern. Aber mit der Lektüre des Blogposts musste ich feststellen, dass es trotz aller Polemik einige Überschneidungen zwischen Fossmans und meine Meinung gibt.

Auf der Suche nach der Zukunft des Buches. Bild von mir. Lizenz: CC-BY 3.0

Auf der Suche nach der Zukunft des Buches. Bild von mir. Lizenz: CC-BY 3.0

Denn hinter aller Polemik und Glorifizierung des Papiers finden sich einige handfeste Argumente: Forssman kritisiert, dass man E-Books nicht weiterverkaufen oder ausleihen kann, dass der Leser nicht Bücher sondern Lizenzen kauft, dass mit der Pleite eines E-Book-Shops durch DRM allzu oft gekaufte Bücher unwiederbringlich verloren gehen. Er prangert an, dass das Leseverhalten getrackt und nach allem was wir wissen, wohl direkt an die NSA weitergeleitet wird. Forssman kritisiert weiterhin das unausgegorene Urheberrecht und dass man E-Books nicht verschenken kann. Seine Kritik am Begriff „Content“, wenn auch nur implizit geäußert, ist berechtigter, als sie vielleicht scheinen mag, aber dazu ein andermal mehr. Und auch mit dem unschönen Design vieler E-Books hat er ja recht, auch wenn die Gründe, die er nennt, volkommen falsch sind und ausgerechnet er, als „Buchgestalter, Typograf“ und „Gebrauchsgrafiker“ mit einer etwas offeneren Geisteshaltung viel daran ändern könnte.

Natürlich bringt Forssman auch viele Scheinargumente. Es scheint für die meisten Menschen sehr schwer zu sein, sich auf Fakten zu konzentrieren, wenn sie ihre Meinung in die Welt bringen möchten. So hat Fossman Angst, dass Bücher durch Tracking immer weiter an den Marktgeschmack angepasst werden. Das ist ein wohlfeiles Argument da gleiches auch jetzt schon in gedruckten Büchern passiert. Man bedenke nur, dass schon Arthur Conan Doyle im Jahre 1901 Sherlock Holmes nach Protesten seiner Leser von den Toten hat auferstehen lassen. Welch größeres Zugeständnis an den Markt könnte man wohl noch machen? Weiter ist die Aussage, dass E-Reader hässlich sind, ein anfechtbares Geschmacksurteil. Und dass sie kaputt gehen, wenn sie in die Badewanne fallen… – was soll ich dazu noch sagen? Meine „wasserdichten“ Bücher aus Papier kleben bestimmt niiiie zusammen, nachdem sie eine Runde geschwommen sind… Auch dass es sich nicht mehr lohnen würde, E-Books zu lektorieren, weil man mit ihnen nichts verdienen könne, ist ein bloßes Scheinargument, denn die Macher von Instagram haben sich ja auch nicht gesagt: Unsere App ist umsonst, also brauchen wir uns bei der Programmierung keine Mühe geben. Sie haben stattdessen ein geiles Stück Software geschrieben, das kurz darauf eine Milliarde Euro wert war. Entsprechend könnten Verlage sicher mit besseren Umsätzen rechnen, wenn sie endlich mal auf mich hören würden wenn sie endlich mal anfingen, liebevoller ihre E-Books zu layouten.
Und dass die Autoren nichts verdienen, außer ein paar Weltstars ist sogar mit Blick auf die wesentlich besseren Tantiemen beim Indie-Publishing eine reine Lüge. Denn die Wahrheit ist, dass im aktuellen Verlagssystem die Autoren so gut wie nichts verdienen, was die Verlage immer mit ihren hohen Kosten rechtfertigen. Bei E-Books hingegen fallen Druck, Transport und Lager weg, sodass für den Autor eigentlich mehr herausspringen könnte…

Schließlich führt Forssman noch eine Reihe von Argumenten zu Felde, die eigentlich keine sind, weder pro noch kontra, sondern einfach einen Medienwandel beschreiben: Etwa, dass wir zukünftig keine Bücherregale mehr haben werden. Ich finde Bücherregale auch dekorativ und bezweifle auch, dass sie ganz verschwinden werden, aber ich finde auch Grammophone schön ohne zu verzagen, dass sie heutzutage nirgends mehr herumstehen. Übrigens, Herr Forssman, bin ich kein „Berliner Hipster“ und muss trotzdem ständig mit meinen paar Tausend Büchern umziehen, weil Ihre Generation (um mal genauso doof zu pauschalisieren) den Arbeitsmarkt so sehr liberalisiert hat, dass ich ständig meinen Job wechseln muss. Auch gab es sicher Menschen, die kritisierten, dass man auf CDs keine Rillen mehr zählen kann, so wie Forssman die Dicke des E-Books fehlt, aber hat sich das tatsächlich als Nachteil herausgestellt?
Alles in allem also hat Friedrich Forssman einen ebenso polemischen wie kontroversen Blogpost geschrieben, für den wir dennoch dankbar sein sollten, denn er hat einen langen überfälligen Diskurs angestoßen, wie die Zukunft des Buches aussehen sollte. In diesem Diskurs haben sich nun schon eine ganze Reihe weiterer Spieler im großen Bücherspiel zu Wort gemeldet und ich möchte hier als Chronist in den nächsten Tagen und Wochen mal einen Überblick und eine Einschätzung zu den jeweiligen Positionen geben. Auf dass am Ende das Buch eine große Zukunft erwartet.

Fortsetzung folgt.

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DRM ist nur ein Workaround der Digitalisierung – Ein Interview

[Edit: Ich habe den Text sprachlich noch einmal etwas geglättet. Inhaltlich habe ich keine meiner Aussagen verändert. db]

Ich wurde vor geraumer Zeit von Jan Bahnemann für seine Masterarbeit „Digitales Rechtemanagement im Spannungsfeld von Verbraucher- und Unternehmensinteressen“ interviewt. Mit seiner freundlichen Genehmigung darf ich dieses Interview auch hier einstellen.

Jan Bahnemann: Warum gibt es deiner Meinung nach immer wieder Spannungen zwischen Verbrauchern und Unternehmen, wenn es um Digitales Rechtemanagement geht?

Ich (Daniel Brockmeier): Das ist eine gute Frage. Ich denke, das hängt mit dem Grundproblem zusammen, dass daraus entsteht, dass ich digitale Dateien verlustfrei kopieren kann. Im Gegensatz zu einem klassischen Buch haben wir bei einem E-Book den Fall, dass ich die E-Book-Datei ohne Einsatz von vielen Ressourcen kopieren kann und dadurch eine komplett identische Datei erhalte. Somit ist der ganze finanzielle Aufwand, der noch beim Kopieren von Print-Büchern existierte, weggefallen.  Der Endverbraucher kann jederzeit ein Buch problemlos an alle Welt weitergeben.  Dagegen hat natürlich der Handel etwas, weil seine sämtlichen Geschäftsmodelle darauf basieren, dass Ressourcen begrenzt sind und nur derjenige an das Buch kommt, der dafür Geld bezahlt. Aus diesem Interessenwiderspruch, dass der Handel möglichst beschränkte Ressourcen haben möchte, was der potentiellen Unbeschränktheit der digitalen Ressource entgegensteht, entstehen dann diese Spannungen.

Alle haben das mahnende Beispiel der Musikindustrie vor Augen

Warum setzen die Unternehmen denn DRM-Maßnahmen ein? Wenn man von dem Basisgrund absieht – Was sind da die entscheidenden Faktoren?

Es ist im Grunde die Angst, dass sie aufgrund von Raubkopien danieder gehen. Alle haben das mahnende Beispiel der Musikindustrie vor Augen, die Ende der 90er-Jahre auf dem Höhepunkt ihres Erfolges war, dann kamen Tauschbörsen auf. Die MP3 hatte ihren Durchbruch und heute hat die Musikindustrie nur noch einen Bruchteil der Umsätze aus den 90ern. Davor haben alle anderen Branchen natürlich Angst, seien es die Computerspielbranche oder die Verlage. Und diese Angst ist auch nicht aus der Luft gegriffen, es gibt ja Tauschbörsen, Torrents und die Möglichkeiten, auch immer noch mit relativ geringem Risiko – wenn man weiß, wie man es macht – umsonst an die entsprechenden Dateien zu kommen.

der Konsument gibt sich mit den Einschränkungen zufrieden, wenn das Produkt gut genug ist

Ich nehme immer gern das Beispiel von der XBox One, hast du davon gehört? Da hatte Microsoft ja gesagt, dass sie viele DRM-Maßnahmen einführen wollen, etwa Always-Online oder eine Kamera, die zählen sollte, wie viele Leute sich einen Film über die Konsole angucken wollen. Meine Frage in dem Zusammenhang: Warum denkst du, dass es zu solchen Fehleinschätzungen bei den Unternehmen kommt? Microsoft musste dann ja sagen, nachdem der Protest kam, dass sie das alles lassen. Warum denkst du, haben die das so falsch eingeschätzt?

Das Problem besteht darin, dass die Unternehmen in ihren alten Marktstrukturen gefangen sind. Der Verkauf von Einzelexemplaren, das ist etwas, was z. B. im Buchbereich 200 Jahre alt ist und auch im Computerspielebereich seit den 80er-Jahren hervorragend funktioniert hat. Doch jetzt haben wir Breitbandanbindungen, durch die das Geschäftsmodell eigentlich weggebrochen ist. Auf der anderen Seite geht mit dem Internet ein enormer Komfort einher für den Konsumenten, der alles sofort und immer zur Verfügung hat. Dennoch versuchen die Unternehmen, den Einzelstückverkauf weiter aufrecht zu erhalten. Und das geht eben nur mit massiven Komforteinschränkungen, doch darauf haben die Konsumenten keine Lust. Die Unternehmen sitzen da noch dem Irrtum auf, dass sie glauben, der Konsument gibt sich mit den Einschränkungen zufrieden. Teilweise stimmt das ja auch, wenn das Produkt gut genug ist. Das sieht man zum Beispiel an Spotify, das eigentlich auch ein sehr striktes DRM hat. Man kriegt die MP3s ja nicht raus aus Spotify. Aber weil das Produkt so gut ist, stört sich da keiner dran. Ich habe noch nirgendwo Protest gehört, dass man die Musik bei Spotify nur so lange hat, wie man Geld an Spotify zahlt oder den Account besitzt. Ich glaube, dass Microsoft hingegen die Situation falsch eingeschätzt hat. Sie dachten, ihr Produkt wäre gut genug, sodass sie sich die ganzen DRM-Maßnahmen erlauben können, aber es hat sich herausgestellt, dass diese Komforteinschränkungen dann doch zu krass und das Produkt doch nicht gut genug waren, als dass die Kunden das alles mit sich haben machen lassen. Zumal Microsoft dann auch noch das Pech hatte, dass sie mit Sony einen starken Konkurrenten haben, der die Debatte angeheizt hat, dahingehend, dass Sony gesagt hat, dass sie diese ganzen Einschränkungen nicht machen, sondern viel liberaler sein werden.

DRM wird irgendwann abgelöst von pauschalen Bezahlmodellen

Siehst du eine Weiterentwicklung bei den Unternehmen, was die DRM-Entscheidungen angeht? Oder läuft das immer noch so ab wie in der Vergangenheit? 

Nein, es gibt durchaus positive Entwicklungen. Ich glaube wir werden da noch einen harten und langen Kampf führen, Adobe hat ja gerade diese Woche einen neuen Kopierschutz angekündigt, der unknackbar sein soll.

Das ist ja aber eigentlich auch eine Illusion.

Das wird so laufen wie mit dem Fingerabdruckscanner von Apple. Ich würde dem auch etwa eine Woche geben, während der er dann „unknackbar“ ist.

Es gibt aber auch andere Entwicklungen, zumindest was Musik angeht, die bekommt man auf iTunes DRM-frei, weil Apple gemerkt hat, dass das effizienter ist. Apple kann ja einfach die Statistiken auslesen, wie viele Lieder in der durchschnittlichen iTunes-Bibliothek sind und wie viele davon auch auf iTunes gekauft wurden. Da hat Apple ganz einfach gemerkt, dass, wenn sie mp3s DRM-frei machen, dann mehr Leute kaufen, eben weil der Komfort dann wesentlich größer ist.

Von daher glaube ich zwar schon, dass weiter versucht wird DRM durchzusetzen, es gibt ja auch Bestrebungen, DRM-Maßnahmen im HTML-Code zu verankern. Aber ich denke, dass DRM irgendwann einfach abgelöst wird von pauschalen Bezahlmodellen, sodass DRM in der heutigen Form keine Rolle mehr spielt.

DRM bewirkt, dass alle Kunden zu Amazon laufen

Das ist eine gute Überleitung zur nächsten und auch schwersten Frage, und zwar: Wie denkst du denn, sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung von DRM-Systemen aus? Du hattest das ja eben schon angesprochen mit iTunes, dass die nachvollziehen können, dass sie ohne DRM mehr verkaufen. Wie ist das den in den anderen Branchen? Wenn du damit besonders gut auskennst auch in der Buchbranche? Hindern die DRM-Systeme mehr Käufer als letztendlich nutzt?

In der Buchbranche gibt es ein großes Problem, dass der deutsche Buchhandel und die Verlage noch gar nicht erkannt haben: DRM bewirkt, dass alle Kunden zu Amazon laufen. Die Leute sagen sich, dass, wenn sie mit ihren Büchern sowieso nicht machen können, was sie wollen, sondern nur ganz einschränkte Rechte haben, sie eben zu dem Anbieter gehen, der die meisten Bücher bietet. Das heißt dann, dass sich alles massiv auf Amazon fokussiert. Ca. 90% des E-Book-Handels laufen über Amazon. Die Kunden fragen sich zu Recht, warum sie einen drittklassigen E-Reader kaufen sollen, wenn sie bei zum Beispiel bei Weltbild [Disclaimer: Das ist ein Beispiel, ich habe den E-Reader von Weltbild nicht persönlich getestet und vielleicht ist der total knorke; db] genau dieselben Einschränkungen haben wie bei Amazon, aber dafür ein viel kleineres Angebot und viel weniger Komfort.

Es kommt immer auf die Ausgewogenheit an: Wie viel Komfort bieten mir die Unternehmen, wie stark sind die Einschränkungen für den Kunden. Wenn Amazon weiter fortfährt, öfter mal ziemlich willkürlich Konten zu sperren, sodass alle Bücher auf dem Kindle futsch sind, dann kann ich mir vorstellen, dass es da auch irgendwann einen Fallback geben wird. Sodass die Leute aufhören zu Amazon zu gehen, weil sie sich das nicht länger bieten lassen. Aber solange Amazon noch so ein komfortables System hat, den besten Reader und One-Klick-Buys, läuft das für die ganz gut.

Digitale Dateien werden nicht mehr verkauft, es wird nur noch ein Nutzungsrecht erteilt

Sind dir noch andere Fälle bekannt von solchen Accountsperrungen von anderen Anbietern? Mal abgesehen von Amazon, ich weiß das Steam das auch macht? Kennst du noch andere Fälle, wo das tatsächlich gemacht wurde?

Nein, ich habe mich nur mit Amazon auseinandergesetzt… Es gab ja mehrere Beispiele dort. Zum Beispiel die Geschichte, die auch zu einem großen Aufschrei führte, als Amazon einer Frau gar nicht gesagt hat, warum ihr Account gesperrrt wurde, sondern nur „sie wissen schon warum“. Und dann gab es noch einen zweiten spektakulären Fall, als von Kunden, die zu oft Produkte zurückgeschickt haben, die Kundenkonten gesperrt wurden, was dann auch dazu führte, dass alle E-Books weg waren, die sie auf dem Kindle hatten.

Aber sonst… Es gibt ein großes Problem bei Adobes DRM-Mechanismus für E-Books, dass dieser an E-Mail-Adressen gekoppelt ist. Und wenn ich meine E-Mail-Adresse wechsle, muss ich erst mal Adobe beweisen, dass ich ich bin. Das ist aber nicht unbedingt das gleiche, wie zu sagen „dein Content ist futsch“.

Ansonsten habe ich kein konkretes Beispiel, weiß aber, dass in vielen AGB steht, dass digitale Dateien nicht mehr wirklich verkauft werden, sondern dass du nur noch ein Nutzungsrecht hast und dass das Unternehmen sich vorbehält, dich von der Nutzung auszuschließen, wenn du irgendwie gegen seine Regeln verstößt.

Davon wissen die meisten Nutzer wahrscheinlich gar nicht, oder?

Nein, wer liest schon die AGB? Das ist weitgehend unbekannt. Bei Amazon wird es langsam bekannt durch die erwähnten Fälle.

Ich hab das auch erst im Rahmen meiner Arbeit rausgefunden, dass ich an den Sachen, die ich bei Steam gekauft habe eigentlich nicht so viele Rechte habe.

Die können dich jederzeit rausschmeißen, das stimmt schon. Man müsste das auch mal durchklagen. Die Frage ist nur, wer die Mittel und Wege dafür hat. Es gibt im deutschen BGB eine Unerwartbarkeitsklausel, dass eigentlich nichts in den AGB stehen darf, von dem du nicht annehmen konntest, dass es da drin steht. Bei Twitter, ICQ oder auch bei Skype steht etwa in den AGB drinnen, dass sämtlicher Content, den du generiest, dann Skype, ICQ oder Twitter gehört. Das hat vor dem deutschen Recht aber keinen Bestand, weil das nicht zu erwarten ist für dich als Endverbraucher. Möglicherweise könnte man das mit den Lizenzen auch mal durchklagen, aber es bräuchte eben jemanden, der auch den Mut besitzt und das entsprechende Geld hat, durch die Instanzen zu gehen.

Der Verzicht auf DRM ist sinnvoll und realistisch, wenn es alternative Geschäftsmodelle gibt

Ich komme auf das Lizenzthema auf jeden Fall nochmal zurück. Davor habe ich, weil das ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist, drei Modelle die letztendlich als Alternativen im Raum stehen. Denkst du, dass ein Verzicht auf DRM-Maßnahmen langfristig einmal realistisch und zum anderen sinnvoll ist?

Sinnvoll halte ich es auf jeden Fall. Es hängt aber letztlich, und das ist dann auch die Frage, wie realistisch ist es, mit den Geschäftsmodellen zusammen. Die Unternehmen werden überhaupt kein Problem haben, auf DRM zu verzichten, wenn sie auch in Zukunft genug Einnahmen generieren können. Es gibt, nicht direkt im Bezug auf DRM, aber im Bezug auf Kopien und Raubkopien, das Buch von Dirk von Gehlen: Mashup: Lob der Kopie*, in dem unter anderem schreibt, dass es sowohl bei der Einführung des Radios als auch bei den Leerkassetten in der Musikindustrie den gleichen Aufschrei gab wie beim Internet. Man prophezeite den Untergang des Abendlandes. Dann kristallisierten sich aber ziemlich schnell alternative Geschäftsmodelle heraus: Lizensierungen, Livemusik und die Leermedienabgabe, wodurch die Unternehmen weiter Geld verdienen konnten. Und wenn man solche pauschalen Bezahlmethoden für das Internet realistisch einführen könnte, oder generell für digitale Medien, dann würden die Unternehmen auch sofort sagen, dass sie kein DRM brauchen. Das Problem ist im Augenblick, dass die Perspektiven und die Studien, die sich damit beschäftigen, den Unternehmen keine höheren Gewinne bei solchen pauschalen Abgaben versprechen, als wenn sie versuchen, mit Rechtmitteln und Kopierschutz ihr Urheberrecht durchzudrücken. Sodass wir, bis sich da irgendwie ein Wandel einstellt, weiter mit DRM leben und rechnen müssen.

die dem Internet zugrunde liegende Technik ist das Kopieren

Was denkst du über Maßnahmen, die erlauben, Urheberrechtsverletzungen zu verfolgen? Also was unter dem Titel „Social DRM“ läuft?

Du meinst digitale Wasserzeichen, Soft-DRM? Prinzipiell finde ich das besser. Du musst immer daran denken, dass die dem Internet zugrunde liegende Technik das Kopieren ist. Das heißt, jede Technik, die du einsetzt, die dagegen operiert, ist erst einmal kontraproduktiv gegenüber der Digitalisierung. Aber wenn du schon versuchst, eine künstliche Verknappung herzustellen, dann mach es eben nur so, dass du den Komfort gar nicht groß einschränkst.  Sodass du weiter Privatkopien erlaubst und nur, wenn sich jemand aus dem rechtlichen Spielraum herausbewegt, hast du ein Mittel, das zu verfolgen. Das finde ich wesentlich angenehmer, als von vornherein den anständigen Bürger zu bestrafen. Denn DRM lässt sich ja im Grunde leicht knacken, und im Endeffekt werden nur die Kunden bestraft, die es nicht machen, weil die mit den ganzen Einschränkungen zu rechnen haben. Auf einem ganz anderen Blatt steht geschrieben, dass meines Wissens kein weiches DRM existiert, das wirklich gut funktioniert, das nicht auch entfernt werden kann.

Komfort ist das A und O

Du hattest das auch schon angesprochen, dass es ja auch Geschäftsmodelle gibt, die ohne DRM gar nicht funktionieren. Wenn man diese Geschäftsmodelle hat, dann schaffen die ja andere Voraussetzungen. Wenn man z.B. Spotify sieht, erwecken die beim Kunden ja gar nicht die Illusion, dass er irgendwas kaufen würde, sondern es liegt für den Kunden näher, dass er das benutzen darf, aber nur solange wie er zahlt. Könnte das letztendlich das Spannungsfeld zwischen Verbrauchern und Unternehmen ein bisschen auflösen, sodass die Verbraucher sich weit weniger dadurch eingeschränkt fühlen?

Ja, ich denke, genau das ist der Weg, wohin sich der Markt entwickeln sollte und auch wird. Das ist das, was ich meinte mit „pauschalen Bezahlmodellen“. Spotify bei Musik oder Netflix in Amerika bei Filmen. In Deutschland fängt das bei Filmen auch langsam an mit z.B. Watchever. Da zahle ich einfach pauschal meine zehn Euro im Monat oder sowas und ich kann dann jederzeit Musik hören oder Filme gucken. Komfort ist das A und O: Mir ist doch total egal, ob mir zum Beispiel sämtliche Lost-Staffeln gehören, ob ich die im Schrank oder auf der Festplatte habe, oder ob ich einfach nur bei Watchever die Möglichkeit habe, die jederzeit zu gucken. Wenn mir das gegeben ist, dann brauche ich auch keine Kopien mehr. Klar: es wird immer irgendwie Sammler geben, aber ich denke, das wird dann eine vernachlässigbare Zahl sein. Es wird auch immer Raubkopierer geben, aber ich glaube, die würden den Markt nicht kaputt machen, wenn wir weiter zu pauschalen Bezahlmodellen hingehen. Das ist, denke ich, die Lösung.

Denkst du, dass das auch für Computerspiele eine ernstzunehmende Alternative ist? Es gibt ja schon Modelle wie Free-to-Play, dass man nur für bestimmte Inhalte bezahlt, ich weiß nicht inwiefern du dich damit auskennst…

Wenig. Ich kenne z.B. die Freemium-Modelle auf dem iPad oder so, wo ich das Grundspiel kostenlos habe und wenn ich dann irgendwie bei meinem Aufbaustrategiespiel will, dass die Häuser schneller gebaut werden, dann zahle ich Geld. Meinst du sowas?

Da gibt es das schon. Das funktioniert ja auch ganz gut bei Facebook oder so. Es gibt dann ja auch Vollpreistitel, z. B. GTA oder sowas, für die man je nach System 40 bis 70 Euro bezahlt. Denkst du, dass das für sowas auch denkbar ist, dass man solche Pauschalmodelle einführt, dass man sagt, dass man monatlich einen angemessenen Betrag zahlt, um das Spiel spielen zu können oder denkst du, dass das eher unrealistisch ist?

Ich glaube schon. Wenn du eine Plattform schaffst – Du brauchst eine Plattform die das geräteübergreifend macht, sodass ich das Spiel auf allen Endgeräten spielen kann. Sie muss leicht zu handhaben sein, in wenigen Klicks, und sie muss ein großes Angebot haben für den Konsumenten. Wenn das erfüllt ist, dann wirst du damit auch leicht eine kritische Masse erreichen, sodass dies es auch für Softwareentwickler lohnen wird, wenn sie ihre Spiele in dieses Portal einstellen. Für die geht es ja nur um Geld. Ist die Ausschüttung hoch genug, lohnt sich das für sie. Das geht aber nur, wenn du genug Abonnenten hast. Und die kommen, wenn das Angebot groß, die Plattform leicht und komfortabel zu bedienen ist und von möglichst vielen Orten zugänglich. Aber ich sehe nichts, was dagegen sprechen würde. Außer vielleicht, dass bei Computerspielen die Systemvoraussetzungen viel größere Unterschiede darstellen als bei Musik oder Büchern oder Filmen. Einen Film kann ich auf jeder Plattform schauen, aber GTA kann ich jetzt nicht unbedingt auf dem iPhone spielen, genauso wie auf einem guten High-End-PC. Das könnte vielleicht ein Problem werden, aber prinzipiell spricht da nichts gegen.

Durch Lobbydruck werden sich eher die Gesetze verschärfen

Dann geht es jetzt ein bisschen um die Zukunftsaussichten. Der Aufhänger ist da ein EU-Urteil gegen Steam, dass die ihren Kunden ermöglichen müssen, die Nutzungslizenzen, da tauchen die wieder auf, auch weiterzuverkaufen. Und dann gibt es zwei Fragen: Denkst du, dass das auch auf andere Branchen übertragbar ist, vielleicht auch gerade die Buchbranche? Und dann die zweite Frage: Wenn das tatsächlich übertragbar ist, welche Auswirkung könnte das dann auf die DRM-Gestaltung haben?

Ich bin kein Jurist, von daher kann ich das schwer beurteilen, ob sich das übertragen lässt. Es wurde von den einschlägigen Journalisten und Bloggern immer so kolportiert, dass das auch Auswirkungen auf E-Books hätte. Aber inwieweit das der Fall ist, weiß ich nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich mit Lobbydruck eher die Gesetze ändern, die im Augenblick den Weiterverkauf ermöglichen, als dass der Verkauf zugelassen wird. Ich kann mir hingegen schlecht vorstellen, dass Weiterverkauf leicht möglich gemacht wird, weil das ja im Grunde dem Geschäftsmodell der Verlage zuwider läuft. Es sei denn, die Verlage schaffen es, eine gute Form von Soft-DRM zu implementieren, mit der du eine History in der Datei hast, die belegt, wer was besessen und an wen verkauft hat. Aber solange das nicht existiert, werden die Unternehmen alles daran setzen, Weiterverkauf zu verhindern und entsprechend auf Gesetzesänderungen hinwirken. Aber da ich kein Jurist bin, ist das bloße Spekulation.

Es ist eine Errungenschaft, dass wir keine Ressourcenbegrenzung mehr haben

Du hattest das ja auch schon angesprochen, dass das Wesen der Digitalisierung ist, dass du verlustfrei Kopien von allem erstellen kannst, ohne dass dich das viel kostet. Wäre das eine Variante, wenn man diese Kopien kennzeichnen könnte, sodass nachvollziehbar wäre, dass es Kopien sind? Und dass man dann unter Umständen Systeme hat, die erkennen, dass es eine Kopie ist und dass sie das nicht nutzen können oder sollen?

Das wäre wieder nur ein Workaround. Es ist doch gerade das Tolle an der Digitalisierung, eine absolute Errungenschaft, dass wir keine Ressourcenbegrenzung mehr haben. Es ist doch nicht so, dass wir Bücher nur in einer Auflage von 1.000 Stück gedruckt haben, weil wir da Spaß dran hatten, sondern weil das schweineteuer war und irgendein LKW die Dinger auch tragen musste. Das alles ist jetzt weggefallen durch das Internet! Alles, was wir noch brauchen, ist eine Telefonleitung und Strom und damit können wir das Wissen der Welt ohne Einschränkung kopieren und weiterverteilen. Alles was dagegen spricht ist, dass jemand damit Geld verdienen will. Sich jetzt immer neue Wege auszudenken, wie man die Errungenschaft wieder kaputt macht, nur damit Leute weiter damit Geld verdienen können, halte ich nicht für den richtigen Weg. Stattdessen denke ich, dass man zu anderen Bezahlmodellen greifen muss, wie z.B. Radiosender ja auch GEMA-Gebühren zahlen, warum soll es das nicht auch für das Internet geben? Wie diese berühmt-berüchtigte Kulturpauschale oder sowas. Dass man einfach sagt: „ja, kopieren ist jetzt technisch möglich, es kostet uns nichts mehr, dann sollen die Leute halt kopieren und sich alles Wissen der Welt und alle Unterhaltung der Welt beschaffen. Und sie zahlen dann im Monat oder auf ihre Hardware oder auf ihren Internetanschluss entsprechende Pauschalen, die dann an die Produzenten weitergereicht werden“. Ich glaube nicht, dass irgendeine Form von künstlicher Verknappung der Ressourcen die Zukunft sein wird. Ich glaube es wird noch ewig dauern, bis wir das erreicht haben. Der Trend, dass die DRM-Maßnahmen immer strenger werden und der Rechtsweg bestritten wird, wird noch 20, 30 Jahre weiter gehen. Aber letzten Endes glaube ich, wenn wir es ernst meinen mit der Digitalisierung, dann müssen wir Kopieren erlauben, weil das einfach das Wesen dieser Digitalisierung ist. Und wenn man dagegen kämpft, kann man die Digitalisierung auch gleich ganz sein lassen kann.

Wenn du Verantwortlicher wärst, in einem Unternehmen, und ihr vertreibt ein beliebiges digitales Produkt, meinetwegen gerne Bücher, welche Lösung würdest du dann DRM-bezogen umsetzen?

Ich mache ja E-Books auch, und die mache ich, soweit es mir die Händler erlauben, komplett DRM-frei. Ich halte nichts davon. Bei Blackbox Urheberrecht* habe ich statt DRM  ins Vorwort geschrieben „Ich habe eine Menge Geld in dieses Buch gesteckt, und wenn du es dir umsonst kopiert hast und mich trotzdem unterstützen willst: Hier ist mein Flattr-Button.“ Speziell bei E-Books ist DRM einfach ein Witz. Du kannst einmal googeln und schon hast du eine Anleitung, wie du in fünf Minuten das DRM geknackt hast. Daher würde ich nur die ehrlichen Kunden bestrafen, denn genau die können dann nicht kopieren, ausleihen usw. Ich hingegen gehe lieber hin und sage: „Okay, ich mache hier keine Einschränkungen und freue mich, wenn das ein Filesharer dann per Flattr honoriert.“ Und ich weiß, dass es bestimmt ein paar Raubkopierer geben wird. Aber vielleicht gibt es auch jemanden der denkt, dass mein Ansatz eine coole Sache ist und ein bisschen Geld spendet.

 

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Von Papiermuseen und Filterblasen

Die wortbrillante und sehr oft chirurgisch analysierende Kathrin Passig schreibt diese Woche in Ihrer Kolumne in der Zeit über „Die Zukunft des Papierverleihs“. Und so präzise wie Passig sonst allzuoft den Nagel auf den Kopf trifft, so sehr schlägt sie meines Erachtens dieses Mal gegen die elastischen Wände ihrer eigenen Filterblase an.

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

„Bibliotheken sind Papiermuseen. Wenn sie sich nicht bald grundsätzlich wandeln, haben sie kaum noch eine Existenzberechtigung. Was sie können, kann das Internet besser“

Kathrin Passig in der Zeit

Versteht mich nicht falsch, liebe Leser, ich werde bestimmt nicht dem bibliothekarischen Protektionismus die Stange halten. Dafür habe ich schon allzuoft in ein ganz ähnliches Horn geblasen wie Passig. Ganz klar: Bibliotheken müssen sich wandeln in Zeiten der Digitalisierung und Passig zeigt viele Schwächen der zeitgenössischen Institution Bibliothek auf. Aber was mich massiv an Passigs Text stört und was seine Validität einschränkt, ist, dass Passig nicht fair argumentiert. Sie lässt nämlich die schnöde Realität der Bibliothek gegen eine Utopie des Internets antreten.

Symbolischer Preis

Das zeigt sich schon ganz zu Beginn, wenn sie behauptet, die flächendeckende Grundversorgung mit Unterhaltungs- und Bildungsmaterialien zu einem symbolischen Preis habe das Internet übernommen. Zumindest in Frankfurt ist die Stadtbibliothek für arme Menschen komplett kostenlos. Das Internet hingegen kostet mich mindestens 20 Euro im Monat und dann kann ich zwar schon eine ganze Menge Inhalte erreichen, aber (zumindest legal) noch keine Bücher, Musik und Filme. Da muss ich mir dann jeweils noch einen Account für klicken, der mich dann auch jeweils noch einmal etwa 10 Euro kostet. Für Passig mag das ein symbolischer Betrag sein, aber bei 382 Euro Hartz-IV-Regelsatz (für alleinstehende Volljährige, Paare, Jugendliche und Kinder bekommen weniger) tun 50 Euro für Unterhaltung und Bildung richtig weh.

Auf diesen Fehlgriff folgen einige treffende Argumentationen, in denen Passig ihre oben erwähnten Stärken ausspielt. So gebe ich ihr bei ihrem nächsten Argument uneingeschränkt Recht: Zufallsfunde kann ich im Internet eher besser als schlechter machen, verglichen mit dem Papier. Dass es sich andersherum verhält, ist ein typischer erster Eindruck von Offlinern, für die das Internet mit Google gleichgesetzt ist, sodass für sie der Eindruck entsteht, dass das Netz nur Inhalte zeigt, wenn ich etwas konkret suche. Das führt mich auch gleich zum nächsten, ebenfalls richtigen Punkt Passigs: Was der Bibliothek definitiv fehlt und was sie braucht, will sie überleben, ist die Volltextsuche. Aber das ist kein intrinsisches Problem der Bib, sondern wieder einmal die Schuld unseres unsäglich veralteten Urheberrechts. Ich wette, die meisten Bibliothekare würden ihre Korpora lieber heute als morgen digitalisieren. Denn, liebes Internet, mit Blick auf Metadaten brauchst du dich nur mal fragen: Wer hat’s erfunden? Allein man lässt sie nicht, weil Verwertungsechte und Schutzfristen und mit ihnen die Profitinteressen von Privatpersonen und -gesellschaften dies verhindern.

Niederschwelliges Kulturangebot

Aber weiter in Passigs Text: Auch die These, dass Bibliotheken nicht zwangsläufig übersichtlicher sind als das Netz, unterschreibe ich noch. Bevor ihr, liebe Leser, nun aber meint, ich würde doch mit Passig auf der gleichen Welle schwingen (was ich sonst wahrscheinlich auch tue), komme ich zum meinem Hauptkritikpunkt an ihrem Text:

Passig kritisiert die Darstellung von Bibliotheken als niedrigschwelliges Kulturangebot.

Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt. Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt.

Passig zeigt in diesem Absatz das, was ich im 1. Semester in meiner allerersten Kommunikationswissenschafsvorlesung als Phänomenverlust aus Mangel an Distanz kennengelernt habe: Sie steckt so tief in ihrer Filterbubble Netzgemeinde, dass sie die Schwellen auf dem Weg dorthin nicht mehr sehen kann. Denn natürlich gibt es viel mehr Schwellen auf dem Weg ins Internet als die zwei, die Passig nennt. Das weiß jeder Noob, der mal (vielleicht sogar aus Versehen) einen Tweet abgesetzt hat, der nicht seinem Hirn entsprungen war, sondern den zuvor schon mal jemand anderes schrieb. Jedes arme Schwein, das schon einmal eine Frage stellte, ohne zuvor die Forensuche zu benutzen, kennt die Schwellen des Internets. Jedem Benutzer von Microsofts Internetexplorers sind die Schwellen des Internets nur allzu gut bekannt! Und damit habe ich noch gar nicht die ganzen technischen und edukatorischen Hürden erwähnt, die mit der Internetnutzung zusammenhängen. Passig verschweigt, dass großen Teilen dieses Landes der Breitbandzugang verwehrt bleibt. Und zwar ausgerechnet jenen, die auch weite Wege zur nächsten Bib in Kauf nehmen müssen. Auch ignoriert  Passig, dass 4% Prozent der Bevölkerung Deutschlands Analphabeten sind, die das Internet nicht bedienen können, aber sehr wohl ein Hörbuch in einer Bibliothek ausleihen. Als meine Mutter das erste Mal mit meiner Hilfe online war, fragte sie mich: Und was kann ich jetzt da so machen. Das ist eine dieser Schwellen, die Passig verborgen bleiben. Und der alte Computer des Hartz-IV-Empfängers, der jedesmal eine halbe Stunde nach dem Hochfahren nicht reagiert, weil das Updatesinstallieren ihn überfordert, ist eine andere Schwelle auf dem Weg ins Internet. Denn der Hartzer kann sich nicht mal eben ein neues Mac Book Pro kaufen…

Langzeitarchivierung

Den wohl wichtigsten Punkt, warum es auch in Zukunft Bibliotheken in der einen oder andere Form geben sollte, behandelt Passig aber überhaupt nicht. Denn Bibliotheken erfüllen ja neben dem Zugang zu Wissen noch eine zweite wesentliche Funktion: Die Langzeitarchivierung eben jenes Wissens. Und da das Internet (die Wikipedia mal außen vor) überwiegend privaten, wirtschaftlichen Interessen gehorcht, bin ich froh, dass es öffentlich finanzierte Institutionen gibt, die diese Speicherung übernehmen. Denn zum Beispiel das Ende des Google Readers hat uns gezeigt, dass eine gehörige Portion Willkür darin steckt, wie lange uns welcher Dienst und welche Information zur Verfügung steht. Es wäre wünschenswert, wenn die Bibliothek neben Regalen auch Server als zusätzlichen Speicherort für diese Informationen bereithielten. Denn natürlich muss die Bibliothek sich wandeln. Sie sollte ihre Bestände auch in digitaler Form vorhalten, damit Volltextsuche und Onlinezugang ermöglicht werden. Aber sie sollte eines tunlichst nicht tun: Aufs Papier verzichten.

Ich habe hier schon oft geschrieben, dass die synchrone Formatevielfalt im Digitalen eine Plage ist, noch schlimmer sieht es mit der diachronen, also der Formatevielfalt im Laufe der Zeit, aus. Wer kann heute noch Magnetbänder aus den 80ern lesen? Ständig sprudeln neue Technologien und mit ihnen neue Formate an die Oberfläche und wir müssen unsere Datenbestände migrieren. Doch diese Migration ist aufgrund proprietärer Codes und/oder unzureichender Dokumentation allzuoft lückenhaft. Die DNB bezeichnet Amazons Mobi-Dateien nicht ohne Grund als ungeeignet für die LAngzeitarchivierung.

Dem gegenüber hat sich das Papier als überraschend beständig erwiesen. Obwohl Feuer, Licht, Feuchtigkeit, Ungeziefer, Menschenhände oder Kölner Baufirmen es zerstören können, eignet es sich offenbar hervorragend zur Langzeitarchivierung. Denn wir können auch heute noch 1000 Jahre alte Bücher lesen. Gewiss, wir müssen alte Sprachen lernen, aber die sind im Gegensatz zu manchen Codes, die nur 10 Jahre alt sind, hervorragend dokumentiert. Und so stimmt Passigs polemische Rede vom Papiermuseum nüchtern betrachtet sogar. Denn anders als (noch) das Internet aber ganz ähnlich wie Museen können uns Bibliotheken lang zurückliegendes zugänglich machen…

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