Von Papiermuseen und Filterblasen

Die wortbrillante und sehr oft chirurgisch analysierende Kathrin Passig schreibt diese Woche in Ihrer Kolumne in der Zeit über „Die Zukunft des Papierverleihs“. Und so präzise wie Passig sonst allzuoft den Nagel auf den Kopf trifft, so sehr schlägt sie meines Erachtens dieses Mal gegen die elastischen Wände ihrer eigenen Filterblase an.

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

Stadtteilbibliothek Frankfurt Sachsenhausen

„Bibliotheken sind Papiermuseen. Wenn sie sich nicht bald grundsätzlich wandeln, haben sie kaum noch eine Existenzberechtigung. Was sie können, kann das Internet besser“

Kathrin Passig in der Zeit

Versteht mich nicht falsch, liebe Leser, ich werde bestimmt nicht dem bibliothekarischen Protektionismus die Stange halten. Dafür habe ich schon allzuoft in ein ganz ähnliches Horn geblasen wie Passig. Ganz klar: Bibliotheken müssen sich wandeln in Zeiten der Digitalisierung und Passig zeigt viele Schwächen der zeitgenössischen Institution Bibliothek auf. Aber was mich massiv an Passigs Text stört und was seine Validität einschränkt, ist, dass Passig nicht fair argumentiert. Sie lässt nämlich die schnöde Realität der Bibliothek gegen eine Utopie des Internets antreten.

Symbolischer Preis

Das zeigt sich schon ganz zu Beginn, wenn sie behauptet, die flächendeckende Grundversorgung mit Unterhaltungs- und Bildungsmaterialien zu einem symbolischen Preis habe das Internet übernommen. Zumindest in Frankfurt ist die Stadtbibliothek für arme Menschen komplett kostenlos. Das Internet hingegen kostet mich mindestens 20 Euro im Monat und dann kann ich zwar schon eine ganze Menge Inhalte erreichen, aber (zumindest legal) noch keine Bücher, Musik und Filme. Da muss ich mir dann jeweils noch einen Account für klicken, der mich dann auch jeweils noch einmal etwa 10 Euro kostet. Für Passig mag das ein symbolischer Betrag sein, aber bei 382 Euro Hartz-IV-Regelsatz (für alleinstehende Volljährige, Paare, Jugendliche und Kinder bekommen weniger) tun 50 Euro für Unterhaltung und Bildung richtig weh.

Auf diesen Fehlgriff folgen einige treffende Argumentationen, in denen Passig ihre oben erwähnten Stärken ausspielt. So gebe ich ihr bei ihrem nächsten Argument uneingeschränkt Recht: Zufallsfunde kann ich im Internet eher besser als schlechter machen, verglichen mit dem Papier. Dass es sich andersherum verhält, ist ein typischer erster Eindruck von Offlinern, für die das Internet mit Google gleichgesetzt ist, sodass für sie der Eindruck entsteht, dass das Netz nur Inhalte zeigt, wenn ich etwas konkret suche. Das führt mich auch gleich zum nächsten, ebenfalls richtigen Punkt Passigs: Was der Bibliothek definitiv fehlt und was sie braucht, will sie überleben, ist die Volltextsuche. Aber das ist kein intrinsisches Problem der Bib, sondern wieder einmal die Schuld unseres unsäglich veralteten Urheberrechts. Ich wette, die meisten Bibliothekare würden ihre Korpora lieber heute als morgen digitalisieren. Denn, liebes Internet, mit Blick auf Metadaten brauchst du dich nur mal fragen: Wer hat’s erfunden? Allein man lässt sie nicht, weil Verwertungsechte und Schutzfristen und mit ihnen die Profitinteressen von Privatpersonen und -gesellschaften dies verhindern.

Niederschwelliges Kulturangebot

Aber weiter in Passigs Text: Auch die These, dass Bibliotheken nicht zwangsläufig übersichtlicher sind als das Netz, unterschreibe ich noch. Bevor ihr, liebe Leser, nun aber meint, ich würde doch mit Passig auf der gleichen Welle schwingen (was ich sonst wahrscheinlich auch tue), komme ich zum meinem Hauptkritikpunkt an ihrem Text:

Passig kritisiert die Darstellung von Bibliotheken als niedrigschwelliges Kulturangebot.

Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt. Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt.

Passig zeigt in diesem Absatz das, was ich im 1. Semester in meiner allerersten Kommunikationswissenschafsvorlesung als Phänomenverlust aus Mangel an Distanz kennengelernt habe: Sie steckt so tief in ihrer Filterbubble Netzgemeinde, dass sie die Schwellen auf dem Weg dorthin nicht mehr sehen kann. Denn natürlich gibt es viel mehr Schwellen auf dem Weg ins Internet als die zwei, die Passig nennt. Das weiß jeder Noob, der mal (vielleicht sogar aus Versehen) einen Tweet abgesetzt hat, der nicht seinem Hirn entsprungen war, sondern den zuvor schon mal jemand anderes schrieb. Jedes arme Schwein, das schon einmal eine Frage stellte, ohne zuvor die Forensuche zu benutzen, kennt die Schwellen des Internets. Jedem Benutzer von Microsofts Internetexplorers sind die Schwellen des Internets nur allzu gut bekannt! Und damit habe ich noch gar nicht die ganzen technischen und edukatorischen Hürden erwähnt, die mit der Internetnutzung zusammenhängen. Passig verschweigt, dass großen Teilen dieses Landes der Breitbandzugang verwehrt bleibt. Und zwar ausgerechnet jenen, die auch weite Wege zur nächsten Bib in Kauf nehmen müssen. Auch ignoriert  Passig, dass 4% Prozent der Bevölkerung Deutschlands Analphabeten sind, die das Internet nicht bedienen können, aber sehr wohl ein Hörbuch in einer Bibliothek ausleihen. Als meine Mutter das erste Mal mit meiner Hilfe online war, fragte sie mich: Und was kann ich jetzt da so machen. Das ist eine dieser Schwellen, die Passig verborgen bleiben. Und der alte Computer des Hartz-IV-Empfängers, der jedesmal eine halbe Stunde nach dem Hochfahren nicht reagiert, weil das Updatesinstallieren ihn überfordert, ist eine andere Schwelle auf dem Weg ins Internet. Denn der Hartzer kann sich nicht mal eben ein neues Mac Book Pro kaufen…

Langzeitarchivierung

Den wohl wichtigsten Punkt, warum es auch in Zukunft Bibliotheken in der einen oder andere Form geben sollte, behandelt Passig aber überhaupt nicht. Denn Bibliotheken erfüllen ja neben dem Zugang zu Wissen noch eine zweite wesentliche Funktion: Die Langzeitarchivierung eben jenes Wissens. Und da das Internet (die Wikipedia mal außen vor) überwiegend privaten, wirtschaftlichen Interessen gehorcht, bin ich froh, dass es öffentlich finanzierte Institutionen gibt, die diese Speicherung übernehmen. Denn zum Beispiel das Ende des Google Readers hat uns gezeigt, dass eine gehörige Portion Willkür darin steckt, wie lange uns welcher Dienst und welche Information zur Verfügung steht. Es wäre wünschenswert, wenn die Bibliothek neben Regalen auch Server als zusätzlichen Speicherort für diese Informationen bereithielten. Denn natürlich muss die Bibliothek sich wandeln. Sie sollte ihre Bestände auch in digitaler Form vorhalten, damit Volltextsuche und Onlinezugang ermöglicht werden. Aber sie sollte eines tunlichst nicht tun: Aufs Papier verzichten.

Ich habe hier schon oft geschrieben, dass die synchrone Formatevielfalt im Digitalen eine Plage ist, noch schlimmer sieht es mit der diachronen, also der Formatevielfalt im Laufe der Zeit, aus. Wer kann heute noch Magnetbänder aus den 80ern lesen? Ständig sprudeln neue Technologien und mit ihnen neue Formate an die Oberfläche und wir müssen unsere Datenbestände migrieren. Doch diese Migration ist aufgrund proprietärer Codes und/oder unzureichender Dokumentation allzuoft lückenhaft. Die DNB bezeichnet Amazons Mobi-Dateien nicht ohne Grund als ungeeignet für die LAngzeitarchivierung.

Dem gegenüber hat sich das Papier als überraschend beständig erwiesen. Obwohl Feuer, Licht, Feuchtigkeit, Ungeziefer, Menschenhände oder Kölner Baufirmen es zerstören können, eignet es sich offenbar hervorragend zur Langzeitarchivierung. Denn wir können auch heute noch 1000 Jahre alte Bücher lesen. Gewiss, wir müssen alte Sprachen lernen, aber die sind im Gegensatz zu manchen Codes, die nur 10 Jahre alt sind, hervorragend dokumentiert. Und so stimmt Passigs polemische Rede vom Papiermuseum nüchtern betrachtet sogar. Denn anders als (noch) das Internet aber ganz ähnlich wie Museen können uns Bibliotheken lang zurückliegendes zugänglich machen…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Hintergründe

2 Antworten zu “Von Papiermuseen und Filterblasen

  1. Pingback: Von Papiermuseen und Filterblasen | Privatsprache

  2. Diesen Artikel möchte ich hiermit unterschreiben!
    Beste Grüße, Dirk

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